DASS NICHT NICHTS IST

Das Plakat „DASS NICHT NICHTS IST - Nimm den Teppich und fliege!“ ist der Wegweiser zu einem Ideen- und Gedankenspiel, an dem sich Jede und Jeder beteiligen kann. Die abgebildeten Elemente sind TOOLS, also Werkzeuge, die genutzt werden können – imaginär wie auch im realen Handeln.

 

Die aktuelle Situation mit Pandemie, Klimawandel und Wirtschaftskrise beeinflussen uns alle in starkem Maß. Die Aktion „ DASS NICHT NICHTS IST - Nimm den Teppich und fliege!“ setzt auf die Kraft und das Potential von Phantasie und Ideen. Durch das Einnehmen einer anderen Position, einem veränderten Blickwinkel oder aktivem Handeln, kann Zukunft gedacht, entworfen und gestaltet werden.

 

Wir laden Sie ein, sich unserer TOOLS zu bedienen. Entwickeln Sie eine eigene Idee, eine Aktion, ein Experiment. Entwerfen Sie ein Bild, eine Situation, Installation oder ähnliches. Das können kleine Handlungen im öffentlichen Raum sein, gestaltete Orte, Gedankenspielräume, kleine Interventionen u.ä. Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Selbstverständlich ist es möglich eigene TOOLS zu entwickeln und somit unser Angebot zu erweitern. Ihre Beiträge können Sie per E-Mail (nerz-kg@web.de) an NERZ-KG senden und damit Teil dieses Blogs werden.* Wir freuen uns auf viele interessante Beiträge.

 

 

 

* Mit der Einsendung ihrer Idee an NERZ-KG erklären Sie sich mit der Veröffentlichung Ihres Beitrags im Blog einverstanden. Eine Garantie der Veröffentlichung besteht nicht.


Tool: FreiRaum

Es gibt sie, die Orte die zum

Gestaltungs- und Aktions-

raum werden können!

Das Plakat zeigt den Raum unter einer Straßenbrücke. Eine lineare Architektur aus grauem Beton mit schottrigem Boden. Ein paar Graffiti bringen Farbe ins Bild. Plätze wie diese gibt es viele, im ländlichen Raum, wie auch in den Städten. Diesen Ort habe ich auf dem Weg zum Speztgarter Tobel zwischen Überlingen und Aufkirch entdeckt. Besonders fasziniert hat mich der Lichteinfall. Durch einen schmalen Spalt zwischen den Fahrbahnen zeichnete das Sonnenlicht einen Streifen Helligkeit auf den Boden und den Unterbau der Brücke. Ein grafisches Licht- und Schattenspiel. Ich hatte sofort die Assoziation einer schmalen Blumenwiese auf diesem Lichtstreifen.

 

Plätze dieser Art haben den Charakter eines Unortes. Die Bedeutung und Funktion einer Brücke liegt auf ihrer Oberseite, der Fahrbahn. Der Raum darunter ist ohne Funktion und Identität und entspricht nicht unbedingt dem normüblichen Schönheitsbegriff. Für mich sind solche Orte Freiräume mit vielen nützlichen und ästhetischen Qualitäten. Ein, nach zwei Seiten offener und doch überdachter, symmetrischer Raum, der das Gefühl von Schutz und freier Natur vermittelt. Nicht selten finden hier Menschen ohne Wohnsitz eine Bleibe. Ein Lebensraum im Freien, der sich dem Blick der Anderen entzieht. Ein bisschen Privatsphäre in urbaner Kulisse. Das Grau des Betons wirkt wie ein neutraler Untergrund, der für Gestaltungsmöglichkeiten aller Art bereit ist. Das erkennen auch die Sprayer, die hier unbeobachtet ans Werk gehen. Selbstverständlich wird der Freiraum unter Brücken auch legal genutzt. Es gibt Parkplätze, Schutzraum für Material oder bei hohen Brücken, deren Stützpfeiler wie die Säulen einer Kathedrale wirken, auch Schrebergärten mit Gartenhäuschen. In den letzten Jahren wurden diese Plätze zunehmend zu Skateanlagen und Spielplätzen umgestaltet und innovative Architekten, Stadtplaner und Designer sinnieren nach immer neuen Möglichkeiten der urbanen Nutzung.

 

Auf unserem Plakat steht der Raum unter der Brücke stellvertretend für alle Orte, die Freiraum bieten, - verlassene Orte, Brachen, Unterführungen oder Wildwuchs-Nischen die keinem Zwecke dienen und darum zum Gestaltungs- und Aktionsraum werden können.


Tool: Grün

unerschöpflich, vieldeutig, umfassend...


Tool: Spiegel

Er ist metaphorisch wahnsinnig aufgeladen. Bei uns geht es um eine kleine, mitunter lustige Übung.

Der Spiegel als Tool ist gefährlich. Er ist sehr einnehmend und in seinen Funktionen und seiner unerschöpflichen Symbolhaftigkeit in Kunst, Religion und Philosophie kann er einen erschlagen. Deshalb rate ich nur kleine Spiegel zu verwenden – zumindest zu Beginn der Übung.

 

Die Übung praktiziere ich schon geraume Zeit und immer wieder. Ich finde sie lustig und interessant. 

 

Zum Einstieg oder für zwischendurch eignen sich auf offene Fenster, Pfützen, stehende Gewässer, Schaufenster oder glänzende Fassaden. Ich befinde mich immer außerhalb des Spiegelbilds. Mich interessiert der Raum den ich sehen kann, der jenseits meines Standpunktes liegt. Ich kann etwas auf der anderen Seite  meines Blickfelds sehen ohne meinen Kopf zu drehen oder meine Position zu verändern. Es hat etwas Geheimnisvolles und ein wenig Verruchtes. Verrucht, weil ich mich nicht zu erkennen gebe. Man kann mich nicht im Spiegelbild sehen. Nur ich sehe und beobachte.

 

Ich bin gerne Beifahrerin. Dabei schaue ich häufig während des Fahrens in den Außenspiegel und sehe die gerade passierte Umgebung in der Rückansicht. Vergangenes und nicht Gesehenes im fortschreiten der Zeit. Eine weitere Dimension eröffnet sich: ich sehe Ansichten von hinten, die mir beim nach vorne schauen verborgen bleiben. Der kleine Außenspiegel ist ein Werkzeug um meine Wahrnehmung mehrdimensional zu erweitern. Reizend finde ich auch Rückspiegel von Zweirädern. Diese sind meistens rund und der gebotene Ausschnitt ist formal schöner eingefangen.

 

Lenke ich selbst ein Fahrzeug und kann an einer roten Ampel für ein paar Minuten meine Aufmerksamkeit weg vom Verkehr schweifen lassen, schaue ich mit Vergnügen in den Rückspiegel – fast unerkannt beobachte ich Personen im Fahrzeug hinter mir oder Passanten an denen ich vorher vorüber fuhr. Manchmal verpasse ich das Umschalten der Ampel auf grün und werde durch das Hupen der nachfolgenden Fahrzeuglenker unsanft „geweckt“. 


Tool: Loch

Im Dunkel der Tiefe eröffnet sich eine neue Dimension. Man braucht etwas Mut, sie zu ergründen.

Direkt vor meiner Haustüre liegt die Schwäbische Alb, die höhlenreichste Gegend Deutschlands. Es gibt viele Schauhöhlen, in denen man bequem die gut ausgeleuchtete Tropfstein-Märchenwelt bewundern kann. In diesem Jahr hatte ich ein ganz anderes Höhlenabenteuer. Ausgestattet mit robuster Kleidung, Stirnlampe und Helm habe ich die Gustav-Jakob-Höhle bei Grabenstetten besucht. Mit ca. 210 m ist sie die längste, bekannte Durchgangshöhle der Schwäbischen Alb. Man geht an einer Stelle hinein und kommt an einer anderen wieder heraus. Meine steigende Nervosität und das flaue Gefühl in der Magengegend verflog beim Betreten der Höhle. Mir war, als würde ich die bekannte Welt hinter mir lassen und in eine neue, mir unbekannte Sphäre eintauchen. Neugier und erwartungsvolle Spannung trieben mich an. Schon nach einnigen Metern herrscht absolute Stille und totale Dunkelheit. Im Schein der Stirnlampe tauchen wunderschöne Sinterformen auf. Felsgebilde, die wirken, als wären sie in einer langsamen Fließbewegung erstarrt. Die runden, organischen Formen, glitzern vor Nässe im Lichtschein. Oft ist es nicht einfach vorwärts zu kommen. Die Höhle ist niedrig und eng. An vielen Stellen muss man sich seitlich hindurch quetschen oder gebückt gehen. In einer kleinen Halle, der einzigen Stelle, an der auch mehrere Personen zusammenstehen können, löschen wir die Lampen und lauschen. Außer dem eigenen Atem ist nichts zu hören. Dann fällt ein Wassertropfen und nach, gefühlt, endlos langer Zeit ein nächster. Meine Wahrnehmung ist allein auf den Hörsinn konzentriert und trotzdem werde ich mir in einer starken Intensität meines Körpers bewusst. Es ist überwältigend und mit nichts, bereits Erlebtem vergleichbar. Kurz vor dem Höhlenausgang kommt die engste Passage. Hier kann man nur auf dem Bauch liegend ins Licht hinaus robben. Ein Hochgefühl begleitet mich noch viele Tage.

 

Eine solche Exkursion ist nicht jedermanns Sache, aber eine einprägsame, sinnliche Erfahrung. Unterwelt, Hölle und allerhand Phantasievolles aus der Mythologie und Religion kommen einem in den Sinn. Auch das Erkunden von Ritzen und Spalten in Stein oder Holz können neue Dimensionen eröffnen. Wohin führt das schwarze Loch? Was verbirt sich darin?


Tool: Tür

Steht ein Fest vor der Tür? Oder falle ich mit der Tür ins Haus? Vielleicht könnt ich morgen die Welt aus den Angeln heben.


 

Tool: Teppich

Der fliegende Teppich - eine durch und durch utopische Erfindung aus vergangenen Zeiten.

Absolut empfehlenswert!

Er liegt bei mir im Eingangsbereich und dient als Schmutz- und Nässebrücke um die Schuhe auf ihm abzustreifen. Er ist ein Übergangsobjekt zwischen Draussen und Drinnen.

 

Bunt ist er. Von Hand gewoben. Manchmal beschleicht mich ein schlechtes Gewissen, da ich mich beim Kauf nicht informiert hatte, wer ihn gearbeitet hat. Ich hoffe der Hersteller oder die Herstellerin wurde gut entlohnt und es waren keine Kinderhände beteiligt. Er ist schon lange bei mir. Heute würde ich beim Kauf darauf acht geben. Seine Farbigkeit gefällt mir. Er ist aus unterschiiedlichen Stoffresten in Streifen gerissen gewebt.

 

Ich habe ihn fotografiert und aus seinem Umfeld freigestellt. Als Fotografie, herausgelöst aus seinem Alltagsgebrauch sieht man ihm seine Profanität nicht mehr an. Das erstaunt mich. Was es doch ausmacht, ihn aus dem Kontext zu lösen? Auf einmal ist er frei – der Teppich. Frei für Assoziationen, Gedanken, Träume und Illusionen. Er beginnt zu schweben.

 

Aus Märchen vergangenerer Zeit und weit entfernt liegenden Ländern habe ich von ihm schon als Kind gehört – dem fliegenden Teppich! Ein schwebendes, geräuschloses und emisionsfreies Transportmittel, eine durch und durch utopische Erfindung. Man kann mit ihm Grenzen überwinden, sich imaginär an einen anderen Ort versetzen oder im Nichts verschwinden. Er hebt mich traumgleich aus der Realität und beflügelt mich. Mit ihm überwinde ich alle Beschränkungen meines Daseins, beame mich in Zeiten und Räume paradiesischer Vorstellungen.

 

Ich könnte auch eine moderne VR-Brille aufsetzen, etwas neues erfinden und mich virtuell neu erschaffen.

 

Mir genügt jedoch mein Teppich. Ich kann ihn jederzeit einrollen mitnehmen und an einem anderen Ort ausrollen und darauf meinen Gedanken und Träumen freien Raum lassen. Ich kann auch jemanden zum nächsten Flug einladen – mal sehen!


Tool: Podest

Hochsteigen und Hinunterschauen verändert den Blickwinkel und die Sehweise. Der neue Standpunkt  beschert Aussicht.

Hochsteigen und Hinunterschauen

Hochsitz

Podest

Aussichtsturm

Fernsehturm

Hochhaus

Aussichtsplattform

Denkmal

Kirchturm

Riesenrad

Berggipfel

Klippe

Baukran

Klein sein – aber weit schauen können

In meiner Kindheit liebte ich Wandern durch Wald und Feld. Es war ein aufregendes Ereignis, bei dem es viel zu entdecken gab und meine Phantasie endlos beflügelt wurde. Besonders gefielen mir die Hochsitze an den Wegen und Waldrändern. Es war mir unmöglich an einem vorbei zu gehen, ohne ihn zu besteigen. Jedes Mal verspürte ich dabei eine kleine Aufregung, ein Kribbeln im Bauch, aber auch eine leichte Angst. Weniger vor dem Hinaussteigen, dafür aber vor dem Abstieg. Auch wenn die Sprossen der Leiter für meine kurzen Kinderbeine etwas weit auseinander lagen, ging es ganz mühelos hinauf. Oben richtete ich meinen Blick auf die Umgebung. Ob ich auf Wiesen und Felder schaute, oder auf eine Lichtung im Wald, das Glücksgefühl, das mich beherrschte, war überwältigend. Ich fühlte mich groß, stark und zu allem befähigt. Gleichzeitig war ich den Vögeln der Lüfte näher gerückt und das gab mir ein Gefühl der Leichtigkeit. Egal, ob ich ein und den selben Hochsitz mehrfach erklomm, immer erschien mir die Welt, die ich sah, aufregend und neu. Dabei kann ich mich gar nicht mehr an Details erinnern, an etwas, dass ich zuvor nicht gesehen und nun aus der Höhe entdeckt hatte. Allein der Weitblick, die Möglichkeit über allem zu stehen und in die Ferne schauen zu können, beglückte mich. Wären da nicht die rufenden Eltern gewesen, hätte ich endlos verweilen können. Mit dem Abstieg begann der gefährliche Teil der Aktion. Rückwärts klettern war die große Herausforderung. Einen Fuß ins Leere zu strecken und blind nach dem nächsten Tritt zu suchen bereitete mir ein leichtes Unbehagen. Das kann aber nicht besonders schlimm gewesen sein, denn sobald ich den nächsten Hochsitz erspähte ging es wieder hinauf.

Die Angewohnheit habe ich bis ins Erwachsenenalter beibehalten. Irgendwann erschien mir die Kletterei unangemessen und peinlich für mein Alter. Heute reise ich in die Alpen und besteige Gipfel. Das Gefühl ist geblieben.